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Sie gehören zum ehrenamtlichen Team des Psychosozialen Vereins „Krisendienst für den Kreis Gütersloh“: (v.l.n.r.) die Vorsitzenden Diana Riedel und Elfriede Strutz im Gespräch mit GT-INFO-Redakteurin Birgit Compin. Foto: Jens Dünhölter.

Krisendienst für Menschenkinder

Unauffällig und leise sind sie nachts für diejenigen da, die einfach nicht mehr weiter wissen. Immer dann, wenn andere Beratungsstellen oder ambulante Dienste wie der Sozialpsychiatrische Dienst schließen, sind sie am Telefon erreichbar – die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Psychosozialen Vereins „Krisendienst im Kreis Gütersloh“. Nacht für Nacht – von 19 Uhr am Abend bis sieben Uhr morgens, am Wochenende sogar rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. 45 Ehrenamtliche teilen sich derzeit diese Schichten, sie sind zwischen 25 und 77 Jahre alt. Es sind Sozialarbeiter, Sozialpädagogen und Psychologen, Ärzte, Theologen und Lehrer, aber auch Krankenpfleger und Schwestern, die in der Psychiatrie arbeiten. „Wir kümmern uns um Anrufer in akuten Familien-, Ehe- oder Lebenskrisen. Es sind Betroffene oder ratsuchende Angehörige“, erklärt Theologin Elfriede Strutz, erste Vorsitzende des Vereins. „Manche weisen starke psychiatrische Probleme auf, bis hin zur Selbstmordgefährdung oder Selbstverletzendem Verhalten und wieder andere haben mit Suchtproblemen zu kämpfen“, ergänzt Diana Riedel, seit mehr als 45 Jahren als Krankenschwester in der Psychiatrie tätig. Auch die zweite Vorsitzende engagiert sich seit vielen Jahren im Krisendienst.

Es ist 19 Uhr, als ich beide in den Räumen des Vereins in der Gütersloher Innenstadt besuche. Sie haben heute Dienst am Telefon und in den nächsten Stunden stellen sie mir hier ihre nächtliche Arbeit vor. Doch zunächst zeigen sie die Räumlichkeiten. „Wir versuchen, uns die Zeit zwischen den Telefonaten so angenehm und ruhig wie möglich zu gestalten.“ Denn ihre Arbeit kostet Kraft. So wundert es nicht, dass eine kleine Küche für die nächtliche Verpflegung eingerichtet ist oder im Wohnraum ein gemütliches Ecksofa und TV für die nötige Ruhephase sorgt. Und natürlich gibt es hier zwei Arbeitsplätze für den nächtlichen Dienst. Sogar zwei Schlafräume stehen bereit, wenn an Schlaf überhaupt einmal zu denken ist. 

 

Im Einsatz für die Menschenkinder

„In der Regel rechnen wir mit fünf bis zehn akuten Anrufen pro Nacht“, erfahre ich, als wir uns eine Tasse Kaffee eingießen. „Zu Beginn rufen einige unserer ‚Menschenkinder’ an. Sie sind uns seit Jahren bekannt und möchten wissen, wer denn da am Telefon die Nacht verbringt“, sagt Elfriede Strutz. „Menschenkinder“, wiederhole ich – ein schönes Wort. „Das trifft es ja am besten“, höre ich der Theologin zu. Auch vereinsamte Menschen rufen an. Einfach, um eine menschliche Stimme zu hören oder ein paar Worte sprechen zu können. „Auch für sie sind wir da.“ Und während wieder andere eine kurze Beratung oder Telefonnummer erhalten möchten, gibt es andere Telefonate, die mehr Zeit brauchen – wesentlich mehr. Sie sind im Durchschnitt 30 bis 40 Minuten lang. Und während wir so reden, ist schon das erste Menschenkind in der Leitung. „Ich denke, ich melde mich später noch einmal“, sagt der Anrufer am Ende des Gespräches und die Ehrenamtlichen wissen, dass er damit vermutlich recht hat.

Betagtes Equipment für honorigen Einsatz

„Wir dokumentieren jeden Anruf“, erklärt Diana Riedel, während sie eine große schwarze Kladde öffnet und den Namen des Anrufers sowie Anlass des Gesprächs notiert. Das sei wichtig, falls er erneut anruft und damit nachfolgende Kollegen seine Vorgeschichte nachvollziehen können. „Oft sind Krisen ja nicht mit einem einzigen Telefonat behoben“, erklärt Elfriede Strutz. Doch was, wenn ein Anrufer den Namen nicht preisgeben möchte? „Dann werden trotzdem Inhalt des Telefonats, Datum und Uhrzeit notiert“, höre ich zu, während ein ziemlich in die Jahre gekommener PC hochfährt und dabei sehr ungesund vor sich hin rattert. Es braucht eine ganze Weile, bis der „alte Herr“ einsatzbereit ist, um auch dort das Telefonat in eine Statistik zu übertragen. Aus Sicherheitsgründen ist das betagte Modell nicht mit dem Internet verbunden. Diese Dienste übernimmt ein Laptop, der ebenfalls schon mal bessere Zeiten gesehen hat. Eine Kladde, veraltete Soft- und Hardware, in der Ecke noch ein Diensthandy der Marke Olympia – wäre da nicht mal eine neuere Technik erforderlich? „Schon, doch das kostet“, erhalte ich zur Antwort, als beide ihre Arbeitsplätze für die Nacht einrichten.

 

Dienst im Doppelpack

Riedel und Strutz ergänzen sich gut. Während die eine Telefonate entgegennimmt, hilft die andere mit den nötigen Internetrecherchen oder Hilfsmaßnahmen. „Wir haben von Anfang an dieses Tandemsystem installiert, so können wir den Anrufern am effektivsten helfen“. Und der Anfang ist schon lange her: Vor 25 Jahren hatte der damalige LWL-Klinikchef Professor Klaus Dörner die Idee, Patienten mit psychiatrischen Diagnosen, die oftmals viele Jahre in der Klinik verbrachten, wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Doch nicht wenige von ihnen suchten zunächst immer wieder den Schutz der Klinik auf. Dort wurden sie stabilisiert und wieder entlassen. Um genau diesen Kreiskauf zu durchbrechen, rief Dörner eine Fülle von Vereinen ins Leben, die sie auf dem Weg „in die Normalität“ unterstützen sollten. Auch der kreisweite Krisendienst ist so entstanden. „Damit hat Professor Dörner unsere ganze Landschaft der psychiatrischen Versorgung mit Wohnbetreuungen und vielen weiteren Hilfen nachhaltig verändert“, erklärt die Theologin.

 

Vieles ist schwer zu ertragen

Und während wir reden, folgt der nächste Anruf – mit dramatischem Hintergrund: Die Patientin einer Ärztin ist gerade vergewaltigt worden. Jetzt sucht die engagierte Medizinerin eine Klinik, die eine anonyme Spurensicherung durchführt und bittet den Krisendienst um Hilfe. Und während Elfriede Strutz das Telefonat entgegennimmt, recherchiert Diana Riedel Adresse und Ansprechpartner einer Klinik, die derartige Verletzungen dokumentiert, ohne den Namen der Patientin preiszugeben. Es verläuft keine Nacht wie die andere, sagen beide. Und sie sitzen auch nicht ausschließlich am Telefon. Das Problem eines Menschen ohne Sichtkontakt zu erfassen, sei oft mühsam, sagen sie. Auch um das besser einzuschätzen, machen die Krisendienstmitarbeiter oftmals Hausbesuche, wenn ein Anrufer das wünscht. Und das komme oft vor. Dann schalten sie den Anrufbeantworter ein und fahren los.

Wie vor ein paar Tagen, als ein Anrufer berichtete, dass seine Ehefrau stark psychotisch sei, Medikamente und Arztbesuche verweigere, so wie alles andere auch. Mit viel Einfühlungsvermögen konnte Riedel sie davon überzeugen, sich in einer Klinik behandeln zu lassen, während Strutz sich um das familiäre Umfeld kümmerte. Sie berichten von dem Einsatz bei einem selbstmordgefährdeten Suchtkranken, dessen Partnerin weit entfernt wohnte und um Hilfe bat. Als sie eintrafen und er nicht öffnete, konnte sich erst die alarmierte Polizei Eintritt verschaffen. „So etwas dürfen wir natürlich nicht.“ Der Einsatz kam im Übrigen noch reichtzeitig. Doch er zeigt auch etwas anderes: Wie gut das Zusammenspiel mit den Behörden funktioniert. So wie in einem anderen Fall: Ein 12-jähriger Junge rief nachts die Polizei in Werther an, weil die Mutter stark alkoholisiert war. Vor Ort alarmierten die Beamten den Krisendienst und der fuhr zu der Adresse. Behutsam redeten die Mitarbeiter auf die alleinstehende Mutter von fünf kleinen Kindern ein, sich stationär behandeln zu lassen. Mitten in dieser Nacht organisierte das Jugendamt zwei Pflegefamilien und ein kleines Mädchen konnte bei einer Mitarbeiterin des Jugendamtes schlafen.

Und dann gibt es Fälle, die selbst erfahrene Mitarbeiter an ihre Grenzen führen, so wie die Anrufe eines Pädophilen, der erst nach vielen Telefonaten und mithilfe des Krisendienstes dingfest gemacht werden konnte. Geht da diese Arbeit nicht an die Substanz? Wie hält man das aus? „Das war schon ein sehr extremer Fall, der uns alle sehr bewegte“, sagt Diana Riedel. Doch der Rückhalt in der Gruppe sei groß. Die Mitarbeiter des Dienstes helfen sich oft gegenseitig. Einmal im Monat treffen sie sich zum gemeinsamen Austausch und auch solche problematischen Fälle und Auswirkungen werden diskutiert und so gut es geht verarbeitet.

 

So viele Sorgen und Nöte 

Wieder klingelt das Telefon. Es sind Eltern, die sich Sorgen um die Tochter machen. Nach einigem Nachfragen kommen Diana Riedel und Elfriede Strutz zu dem Schluss, dass es an der Zeit ist, die Familie persönlich aufzusuchen. Nur zu gerne willigt das Ehepaar ein. Auseinandersetzungen innerhalb der Familie? Das kennt doch jeder, oder? „Das Gespräch legt die Vermutung nahe, dass es sich hier um ein sehr zerrüttetes Eltern-Kind-Verhältnis mit verhärteten Fronten handelt“, erklären beide. „Wir wollen mit ihnen reden, um die Situation zu entspannen und langfristige Hilfsangebote vorstellen, doch dafür müssen wir uns vor Ort ein Bild machen.“

Ich begleite Riedel und Strutz zu ihrem Dienstfahrzeug. Und während diese beiden engagierten Frauen aufbrechen, um einer Familie in ihrer Krise zu helfen, frage ich mich, was man eigentlich mitbringen muss, um einen solchen Dienst leisten zu können, denn so viel ist sicher: Ich könnte das nicht! Die Probleme und Schicksale der Menschenkinder gehen unter die Haut – jedes Mal, auch da bin ich mir sicher. Doch nicht nur das: Die ehrenamtlichen Mitarbeiter erhalten für eine ganze Nacht im Einsatz eine steuerfreie Aufwandsentschädigung von 63 Euro. Jeder von ihnen ist durchschnittlich dreimal im Monat für die Menschenkinder da – zwölf Stunden in der Nacht und maximal 18 Stunden am Wochenende. Wenn sie Glück haben, können sie auch mal zwei bis drei Stunden schlafen. Doch selbst wenn frühmorgens das Telefon still bleibt, klingelt schon wieder der Wecker. Dann schalten sie um sieben Uhr den Anrufbeantworter ein, bereiten die Wohnung für die kommenden Kollegen vor, schließen die Tür hinter sich und gehen zu ihren Familien – oder an ihren eigentlichen Arbeitsplatz. Was also ist es, das man hier mitbringen muss? „Leidenschaft, Engagement und ganz viel Einfühlungsvermögen“, rufen die beiden mir zum Abschied zu.


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