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„Gar nicht so schwer“

Das Erdmännchen starb den einsamen Heldentod. Zwei Tage hatte sich das ausgestopfte Schaumstofftier mit fast schon heroischem Heldenmut gegen den einprasselnden Pfeilhagel der 70 bis 80 Bogenschützen gewehrt.
Am Ende des zweiten Tages lag der Kopf trotzdem traurig neben dem Rumpf am Boden. Das „Tischlein deck dich“ in der Märchenecke ereilte das gleiche Schicksal. Weitaus besser erging es dem Troll und den Riesenpilzen in der Phantasieecke. Auch die in ihrem Netz kletternde Gigantenspinne kam ohne spätere Folgeschäden davon.

Der mit seinem typischen Streifenmuster auf goldgelbem bis rotbraunem Untergrund, ungefähr 1,80 Meter große, einem lebenden Exemplar verblüffend ähnlich nachempfundene Tiger blieb ebenfalls standhaft, sicherte sich trotz etlicher Einschüsse seinen Platz in die nächste Jagdrunde. Vielleicht lag es am größeren Jagdglück, vielleicht auch einfach nur an der dickeren Schaumstoffschicht.

Wenn die Feldbogenschützenabteilung des SV Pavenstädt auf dem vereinseigenen Gelände am Stellbrink in der Nähe des Kompostwerkes einmal im Jahr Robin Hoods Nachfolger zum traditionellen 3-D-Turnier einlädt, geht es für die Ziele auf dem 30 Bahnen großen Freiluftparcours eben nicht immer gut aus. Die rund 40 bis 45 aktiven jugendlichen, Frauen und Männer der 145 Mitglieder großen Abteilung des Schützenvereins Pavenstädt ficht der abnutzungsbedingte normale Austausch der Ziele nicht weiter an. Für sie ist der Umgang mit einem der frühesten Jagdinstrumente der Menschheit einfach nur „pure Entspannung“, wie der offiziell unter dem Siegel des sportlichen Leiters fungierende Abteilungsvorsitzende Thomas Barkey (46)  einräumt. Ähnlich wie für seine Mitstreiter gibt es für den 2017 vom Stellvertreter zum Nachfolger des langjährigen Abteilungsvorsitzenden Hannes Wellerdiek aufgerückten Traditionsbogenschützen nach einem stressigen Tag nichts Schöneres „als bei der Runde in freier Natur ein paar Pfeile zu schießen. Man hat seine Ruhe, ist an der frischen Luft und kommt wunderbar wieder runter". Obwohl für kalte, schneereiche Wintertage alternativ auch die 15 Meter Schießbahn im Schützenheim des 1929 gegründeten Muttervereins zur Vervollkommnung der Technik zur Verfügung steht, ist das Gros der Einzelsportler ganzjährig auf dem aus Sicherheitsgründen abgesperrten zwei Hektar großen Areal unterwegs. Thomas Barkey: „Gerade bei Neuschnee macht es besonderen Spaß. Handschuhe an, Taschenwärmer in die Hose – und los geht's.“ Damit kein falscher Zungenschlag aufkommt, versenkt der exzellente Schütze mit ähnlicher Treffsicherheit wie beim Schießen sogleich den ersten verbalen Pfeil im Ziel. Thomas Barkey: „Uns geht es hauptsächlich um die Freude, uns im Gelände zu bewegen und die Lust am Schießen. Das Jagdgefühl ist zweitrangig. Wir simulieren zwar die Jagd mit Pfeil und Bogen. Tun aber niemandem weh.“ Um diesen Satz nebst dem verbundenen Reiz am Umgang mit der früher zu kriegerischen Auseinandersetzungen eingesetzten Fernwaffe zu verstehen, muss man auf dem Zeitstrahl  geschmeidige 15.000 bis 20.000 Jahre zurückgehen. Gefundene Pfeilspitzen aus Feuerstein datieren die Bogenschützenhistorie auf über 14.000 Jahre zurück. In Deutschland entwickelte sich Mitte der 1960er-Jahre aus dem „aus Tierschutzgründen verbotenen Jagdschießen“ (Thomas Barkey) die seit 1972 zum Programm der Olympischen Spiele gehörende Sportart. Irgendwann im Zeitraum der frühen 1970er-Jahre verzauberte die Magie des puristischen Umgangs mit der stets nur zusammen einsetzbaren Dreifachkombination eines elastischen Stabes, der Bogensehne und den Pfeilen auch den ansonsten bleilastigen Schützenverein Pavenstädt. Kurioserweise gelten Pfeil und Bogen trotz der in Filmen wie „Avatar“ oder der „Herr der Ringe-Triologie“ überwiegend martialischen Darstellung folgerichtig hierzulande als Sportgerät, nicht als Waffe. „Theoretisch könnten wir uns wie Fußballer, Handballer oder Gymnastinnen mit unseren Bögen mitten auf den Berliner Platz stellen“, verdeutlicht ein erfahrener Bogenschütze. Bei den individuellen Trainingsrunden der erfahrenen Schützen auf dem Vereinsgelände ist Sicherheit natürlich trotzdem oberstes Gebot. Den vor Rundenantritt für Mitglieder zwingenden vorgeschriebenen Eintrag in die Schießkladde begründet Thomas Barkey: „Es gibt eine Schießordnung, an die muss sich jedes Mitglied halten. Dann ist es sicher und es passiert auch nichts.“ Bei dem seit Jahrzehnten jährlich ausgetragenen 3-D-Turnier liegt ausdem selben Grund zwischen zwei Schießbahnen immer eine freie Bahn. Das Einsammeln der Pfeile in den Vierer- oder Fünfer-Teams erfolgt erst, wenn alle Teilnehmer ihre höchstens drei Wertungsversuche pro Ziel hinter sich haben. Außerhalb des offiziellen, zweitägigen 3-D-Turnier-Wochenendes steht die Anlage selbstredend auch von einem Vereinsmitglied begleiteten Gastschützen zur Verfügung.

Mag sich auch die Bedeutung des Bogenschießens im Laufe der Epochen verändert haben, hat sich der grundsätzliche Umgang mit dem früheren Jagdrelikt keinen Deut verändert. „Was vor 20.000 Jahren funktioniert hat, funktioniert heute immer noch. Man muss das Rad nicht immer neu erfinden“, stellt Thomas Barkey über die Grundtechnik fest. Speziell diese Ursprünglichkeit mache die große Faszination aus. Wie vor 20.000 Jahren gilt es beim Zielen neben wechselnden Parametern wie Witterung, Wind, Lichtverhältnissen oder Entfernung auch immer die speziellen Schusseigenschaften zu berücksichtigen. Thomas Barkey: „Anders als die Olympioniken mit ihren festen Zieleinrichtungen schießen wir ohne Visier rein intuitiv nach Hand-Augen-Kontakt. Erst wenn alles zusammenpasst, fliegt der Pfeil in die richtige Richtung. Gerade das macht es so spannend.“ Mit einem Gewehr samt fester Zieleinrichtung lasse sich laut dem 1. Vorsitzenden deshalb „viel präziser schießen.“ Dazu kommen auch immer noch die besonderen physikalischen Flugeigenschaften der Pfeile. Während Kugeln geradeaus fliegen, beschreiben Pfeile eine Parabel. Thomas Barkey: „Man muss eine leichte Flugkurve beim Abschuss einberechnen, sonst landen die Pfeile in der Walachei.“ Damit die Jagdsimulation möglichst authentisch ist, sind die lebensechten Schaumstoff-Ziele von der Größe einer Hand (Frosch, Erdmännchen) bis zu einem 1,80 hohen Meter Bären nicht auf freier Fläche, sondern hinter Bäumen, Ästen oder im Dickicht verborgen. Die Augen-Pfeil-Peilung mit Entfernungen zwischen fünf bis 40 Metern muss dementsprechend durch Astgabeln oder vom Hochstand herab stehend, knieend oder liegend erfolgen. Thomas Barkey: „Alles andere wäre viel zu einfach. In der Natur stellt sich auch kein Tier freiwillig lange auf eine Lichtung.“ Wenn dann und wann ein Pfeil in einem Baum landet, wird das von den Betreffenden mit Humor genommen: „Uups, ich habe gerade meinen ersten Baum getötet" entfährt es einer jungen Dame, deren Pfeil in einem der natürlichen Hindernisse stecken bleibt. Anders als in den  stets regen Zulauf auslösenden Bogenschützenfilmen brauchen auch erfahrene Schützen übrigens immer ein paar Learning by doing-Versuche, um sich auf neues oder anderes Sportgerät einzustellen. Thomas Barkey erklärt das komplexe Thema in einfachen Worten: „Es gibt verschiedene Bögen von den klassischen Holzbögen über Langbögen (zum Teil mit Pfeilauflage) bis zu modernen Jagdrecurvebögen, die im Zusammenspiel mit unterschiedlichen Pfeilen immer andere Flugeigenschaften haben.“ Auch die Zugkraft der Sehne, im Fachjargon Pfund, spiele eine entscheidende Rolle beim Zielen. Darum schieße nach Einschätzung des Fachmannes „nicht jeder Schütze mit jedem Bogen auch gleich gut.“

Für Erwachsene bieten die Feldbögenschützen jeden Mittwoch ab 18 Uhr auf dem Vereinsgelände ein Schnuppertraining an: „Einfach vorbeikommen. Es ist gar nicht so schwer, wie man vielleicht denkt", freuen sich die Pavenstädter über Neu- oder Wiedereinsteiger, die gerne mal Pfeil und Bogen zücken möchten. Das mittlerweile ersetzte Erdmännchen wird dies vermutlich nicht ganz so gerne hören.

www.feldbogen-gt.de

Fotos: Jens Dünhölter

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