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Zukunft Wirtschaft 4.0

Fotos: Moritz Ortjohann

Die Unternehmen in Gütersloh sind mit dem hiesigen Wirtschaftsstandort durchweg zufrieden – das belegte Ende des vergangenen Jahres eine kreisweite Standortumfrage der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld (IHK) und des Unternehmerverbandes des Kreises Gütersloh. Hochkonjunktur und die damit verbundenen vollen Auftragsbücher sorgen bei mittelständischen Betrieben für hohe Beschäftigungszahlen. Doch genau da liege eins der Probleme, so Albrecht Pförtner, Geschäftsführer der Pro Wirtschaft Gütersloh und Gewerbepark Flughafen Gütersloh GmbH. Befragt nach der Zukunft des Wirtschaftsstandortes im Kreis und in der Stadt Gütersloh, stellt er drei zentrale Punkte in den Mittelpunkt: „Fläche, Digitalisierung, Menschen“.

Was es damit auf sich hat, und welche Gefahren die aktuelle Hochkonjunktur für den  Wirtschaftsstandort des Kreises Gütersloh mit sich bringen kann, hat Albrecht Pförtner in einem Gespräch mit GT-INFO-Redakteurin Birgit Compin erläutert.

Herr Pförtner, bei der Frage nach der Zukunft des Wirtschaftsstandortes Gütersloh stellen Sie Fläche, Digitalisierung und Menschen in den Mittelpunkt. Beginnen wir mit der Fläche.
Dabei geht es in erster Linie um die Flächenverfügbarkeit. Um sich wirtschaftlich entwickeln zu können, benötigt die Stadt Gütersloh mehr Gewerbeflächen, wie zum Beispiel das Areal am Flugplatz oder das Kasernengelände der Mansergh Barracks. Doch es werden auch Flächen für die wachsende Bevölkerung benötigt. An beiden mangelt es in der Stadt Gütersloh seit Jahren. Für ein wenig Entspannung der Wohnsituation werden womöglich die Siedlungen der heimkehrenden Briten sorgen. Und wenn es uns gelingt, die Verhandlungen mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) um das Flugplatzgelände erfolgreich abzuschließen, wären hier für Unternehmen aus Gütersloh und Umgebung wieder etliche Flächen am Markt.

Da sprechen Sie die Verhandlungen an, die Sie als Geschäftsführer der Flughafen GmbH leiten. Darin haben sich Herzebrock-Clarholz, Harsewinkel und Gütersloh zusammengeschlossen. Wie erleben Sie eine solche interkommunale Zusammenarbeit?
Wir sind ja einer der ganz wenigen Kreise in Deutschland, die seit Jahren interkommunale Gewerbegebiete unterhalten und das funktioniert sehr gut. Für uns ist das nichts Besonderes mehr. Da haben wir aus meiner Sicht keine Baustellen. An anderen Stellen schon, aber nicht beim Gewerbe. Da bin ich entspannt.

Wo sind Sie nicht entspannt?
Die Städte im Kreis Gütersloh sind wirtschaftlich stark und es gilt leider oftmals das Prinzip: Jeder macht seins. Obwohl das gerade ein bisschen aufbricht, tun wir uns schwer und konnten uns zum Beispiel nicht auf eine gemeinsame Breitbandstrategie einigen. Das ist aus meiner Sicht ein großer strategischer Fehler.

Sie sprechen von der Digitalisierung. Was muss geschehen, um die Stadt und den Kreis in diesem Bereich gut für die Zukunft zu rüsten?
Erste Voraussetzung ist eine ausreichende Bandbreite des Netzes, inklusive 5 G. Da ist die Stadt Gütersloh im Vergleich zu anderen Kommunen im Kreis Gütersloh schon ganz gut unterwegs. Ein wichtiger Schritt ist die Digitalisierung des Bildungssystems mit der schulischen Infrastruktur. Da hat die Stadt Gütersloh ja gerade wegweisende Beschlüsse gefasst. Zudem gibt es das neue Projekt „Digitale Bildung“.

Dabei hilft auch das Kompetenzzentrum Digitale Bildung Gütersloh?
Das stimmt. Gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung und der Reinhard Mohn Stiftung setzt man hier das Projekt „Schule und digitale Bildung“ um. 122 Schulen und ihre Träger im Kreis Gütersloh können damit die Schulentwicklung im Bereich des digitalen Lernens vorantreiben. Dabei werden Lehrer und Lehrerinnen dabei unterstützt, die Qualität des Unterrichts zu verbessern. Das ist hervorragend.

Das hört sich alles noch entspannt an, in welchem Bereich sind Sie unentspannt?
Wir haben zwar viele regionale Unternehmen wie Arvato oder Miele, die in dem Bereich Digitalisierung schon lange arbeiten, aber es gibt eine große Anzahl von Mittelständlern, die noch viel Beratungs- und Nachholbedarf haben. Dazu bietet auch die ProWi GT und viele weitere Institutionen umfangreiche Beratungen an. Und doch stehen wir hier erst am Anfang.

Woran liegt es, dass sich mittelständische Betriebe mit der Digitalisierung ihrer Unternehmen so schwer tun?
Es ist zunächst einmal schwer, überhaupt mit dem Thema zu beginnen. Viele Betriebe haben derzeit viel zu tun und es fehlt ihnen die Zeit, das Thema umzusetzen. Sie müssen ja zunächst einmal klären, wo ihr Geschäftsmodell von der Digitalisierung betroffen ist, beziehungsweise ob und wie stark sie davon bedroht sind.

Das heißt, die Digitalisierung muss in jedem Betrieb individuell umgesetzt werden?
Auf jeden Fall. Auch gibt es Unternehmen, die nicht bedroht sind, sondern aufgrund von Digitalisierung wachsen. Um all das aufzuarbeiten, sind anfangs externe Berater sehr wichtig. Das können Hochschulen sein oder das Technologie Netzwerk it’s OWL oder eben die ProWi GT. An mangelnder Beratung liegt es nicht, sondern daran, dass die Unternehmen sich die Zeit nehmen müssen. Und genau das fordert Ressourcen, die im Moment nicht vorhanden sind, aber genau jetzt verfügbar gemacht werden müssten.

Sie sprechen da von der aktuellen Hochkonjunktur?
Wir befinden uns zwar in einer solchen Phase, aber es werden auch wieder andere Zeiten kommen. Deshalb ist es wichtig, jetzt die Weichen für die Zukunft und damit auch für die dringend nötige Digitalisierung zu stellen. Doch es gibt auch Betriebe, die das bereits sehr gut umgesetzt haben, aber das ist noch die Minderheit.

Als dritten Punkt erwähnen Sie die Menschen...
Dabei geht es um die Bestandsmitarbeiter der Unternehmen und die Themen Weiterbildung, Weiterentwicklung, Veränderung von Berufsbildern, Veränderung von Arbeitsplätzen und Weiterbildungserfordernisse. Da sind wir im Kreis und in der Stadt Gütersloh nicht gut aufgestellt.

Was genau fehlt in Bezug auf die Weiterbildung?
Wir haben keine originäre Weiterbildungseinrichtung im Kreis Gütersloh. Natürlich haben wir die Volkshochschule, jedoch benötigen wir aus meiner Sicht eine zentrale Weiterbildungseinrichtung, inklusive eines Bildungsmonitorings. Ich glaube, Weiterbildung muss immer wieder animiert und beworben werden, damit Unternehmen und Mitarbeiter bei dem Thema mitmachen.

Ist auch das eine Folge der aktuellen Konjunkturlage?
Das ist ein zentrales Problem: Mitarbeiter in einer Hochkonjunkturphase zur Weiterbildung zu schicken, fällt schwer, denn sie werden im Unternehmen benötigt. Auch die Mitarbeiter sehen dann wenig Sinn darin, weil ihr Arbeitsplatz sicher scheint. Und doch sind von der Digitalisierung eine ganze Menge Arbeitsplätze bedroht. Wir dürfen nicht den Blick verstellen, denn es kommen auch andere Zeiten und darauf müssen die Mitarbeiter und die Unternehmen vorbereitet sein.

Gibt es Zahlen darüber, wie viele Arbeitsplätze betroffen sind?
Eine Untersuchung von der Agentur für Arbeit aus Nürnberg besagt, dass im Kreis Gütersloh über 30.000 Arbeitsplätze, und damit spreche ich von über 10.000 Arbeitsplätzen in der Stadt Gütersloh, von der Digitalisierung bedroht sind. Natürlich kommen auf der anderen Seite neue Arbeitsplätze hinzu. Trotzdem stellt sich die Frage: Was machen wir mit den etwa 30.000 Menschen? Je besser sie sich also weitergebildet haben, desto besser finden sie sich an modernen Arbeitsplätzen zurecht. Deshalb: Weiterbildung, Weiterbildung, Weiterbildung! Das ist ein großes Thema.

Sehen Sie das Thema Europa im Bezug auf die Zukunft unserer Wirtschaft mit Sorge oder ist das zu weit weg?
Im Gegenteil, es ist ganz nah. 40.000 Arbeitsplätze im Kreis Gütersloh, wieder davon etwa ein Drittel in der Stadt, hängen vom Export innerhalb Europas ab. Momentan ist Europa ja von verschiedenen Seiten bedroht und das ist eine sehr heikle Situation. Mit unserem Europa-Informationszentrum versuchen wir immer wieder, die Vorteile der Europäischen Union zu vermitteln. Gleichzeitig ist die Stadt Gütersloh gut aufgestellt, wenn ich an Events wie Gütersloh International und die fünf europäischen Städtepartnerschaften denke. Auch vielen der hiesigen Unternehmen mit internationalem Publikum und Kunden fällt es leicht, europa-affin zu sein.

Die Zukunft des Wirtschaftsstandortes funktioniert nicht ohne junge Menschen, die hier leben und arbeiten. Was muss hier geschehen?
Die Fachhochschule ist für uns strategisch ein wichtiges Zukunftsthema. Wir binden unsere jungen Menschen durch das praxisintegrierte Studium an den Standort und bieten unseren Unternehmen die Möglichkeit, ihre Mitarbeiter vor Ort studieren zu lassen. Auch das neue Forschungszentrum „Center for Applied Data Science Gütersloh“ (CfADS) am Studienort Gütersloh ist ein Schritt in diese Richtung. Gleichzeitig ist geplant, hier einen Hochschulstandort mit überwiegend englischsprachigen Präsentstudiengängen zu schaffen. Dazu fehlt uns aber derzeit noch die Finanzierungszusage des Landes.

Sie sprechen von dem angedachten Bildungscampus auf dem heutigen Kasernengelände an der Verler Straße?
Ja, Die Überlegung geht dahin, ab etwa 2021 den Fachhochschulstandort dorthin zu verlegen und so einen Bildungscampus zu schaffen. Das führt übrigens auch zu einem anderen Thema, bei dem Gütersloh Nachholbedarf hat: Mit vielen jungen Leuten in der Innenstadt würde sich auch das Stadtbild in Gütersloh noch einmal erheblich auffrischen. Auch die Kneipen- und Restaurantszene würde sicherlich davon profitieren. Für eine Kreisstadt mit 100.000 Einwohnern ist das noch ein bisschen ausbaufähig.

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