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Es geht wieder los – und zwar mit einem Jubiläum: In diesem Jahr findet das zehnte Anno 1280 statt. Foto: Anno 1280

Ausflug ins Anno-Land

Heran, heran und Augen auf! Der hehren Kunst lasst freien Lauf! Macht Platz und gebt die Wege frei, für eitel Spiel und Gaukeley. Kommet zu Hauf aus Nah und Fern, Psalter und Harfe lasset zu Hause gern!“ – seit zehn Jahren lädt Ende Mai, Anfang Juni dieser mittelalterliche Ruf zum Ritterfest auf den Hof Kruse ein. Und in diesem Jahr wird es ein besonderes Spektakel sein, denn Anno feiert ein großes Jubiläum. Über 20.000 Besucher aus ganz Deutschland werden dann wieder eine außergewöhnliche Zeitreise, tief hinein ins Mittelalter, machen. „Möglich macht das ein Tunnel“, erzählt Veranstalter Nobby Morkes eines Tages und lädt mich zu einer Besichtigung des Geländes ein, denn das verwandelt sich bereits im April heimlich, still und leise in das höchst abenteuerliche Anno-Land. „Doch bis zum 31. Mai ist noch viel zu tun“, sagt Landwirt Bernhard Kruse. Dann geht es wieder los und sein Hof wird zum Rittergut, in das Otto III., Graf von Ravensberg, das Volk zum fröhlichen viertägigen Fest einlädt. 

Zwischen Reiherbach und Am Röhrbach liegt das Gelände, das von Avenwedde aus durch einen Tunnel zu erreichen ist. Und ja, auf der anderen Seite scheint man selbst ohne Ritterturnier und Marktspektakel in einer anderen Welt angekommen zu sein. Völlig entschleunigt und von der hektischen Außenwelt abgenabelt, zieht hier ein Traktor seine Runden, grasen Pferde auf der Koppel und heißen knuddelige Alpakas die Besucher willkommen. „Die mögen keine Zäune und laufen hier frei rum“, sagt der Hofherr, den ich kurze Zeit später beim Bau der neuen Taverne antreffe. Bereits gestern begannen die Bauarbeiten zur neuen Schanktheke, die zum Jubiläum fertiggestellt werden muss. Dann fließen hier Met und Kirschbier in Strömen. 

Zu Gast bei Ritter Bernhard

„Eigentlich sprichst du gerade mit Ritter Bernhard“ erklärt Veranstalter Nobby Morkes neben mir. Das Anno 1280-Heerlager hatte ihn bereits vor Jahren zum Ritter geschlagen. Heute jedoch steht er mir als Landwirt gegenüber und der betreibt auf dem insgesamt 80 Hektar großen Kruse-Gelände Grün- und Forstwirtschaft. Seinen ersten Mittelaltermarkt veranstaltete Morkes 1992 auf Schloss Holtfeld in Borgholzhausen und scheint seitdem vom Anno-Virus infiziert. „Wie war das damals, als Anno begann“, frage ich beide. „Der Zufall führte mich hierher“, so Morkes, „und als ich das Gelände sah, wusste ich: Das ist es!“ „Hat Nobby Sie überreden müssen?“ frage ich den Hofbesitzer. „Natürlich musste ich mich erst einmal an den Gedanken gewöhnen. Aber wir haben hier 50 Jahre lang Bauernmärkte gemacht. Im Prinzip ist das ja ähnlich.“ Nur eben in einer anderen Größenordnung. Dann ging alles recht schnell und Anno 1280 nahm seinen Lauf. „Ohne Bernhard wäre das hier nicht möglich“ sagt Morkes. „Er macht alles mit Herzblut und Leidenschaft und bringt ständig neue Ideen ein.“

Der Anno-Virus

Wir schlendern über das Gelände, um den zentralen Teich herum, und Morkes erzählt von den Anfängen: Seit 2008 das erste Anno mit einer kleinen Taverne, sechs Heerlagern und acht Händlern, Handwerkern und Versorgern begann, hat sich viel getan. 2.000 Besucher zählten die Veranstalter damals. „Beim zweiten Anno orakelte Bernhard, dass die Allee vor dem Tunnel irgendwann voller Menschen sei“, zeigt Morkes auf das Gelände linkerhand. „Quatsch! Das schaffen wir nie“, habe er zur Antwort gegeben. Doch Bernhard sollte recht behalten, seit drei Jahren ist auch der Bereich zur Anno-Zeit voller Menschen.

Einmal durchs Anno-Land und zurück

Im Anno-Land führen die Wege den Besucher in verschiedene Bereiche. „Ein guter Mittelaltermarkt braucht ein mittelalterliches Ambiente“, sagt Bernhard Kruse. „Unser Gelände besticht durch seine Ursprünglichkeit.“ Das stimmt. Mich würde es nicht erstaunen, würde genau jetzt ein Ritter unseren Weg kreuzen. Mittlerweile liegen Tunnel und Allee weit hinter uns und Morkes zeigt auf eine Fläche vor uns: „Irgendwann kamen so viele Heerlager, sodass wir erweitern mussten.“ Dafür wechselte im Laufe der Jahre auch der Turnierplatz mehrere Male. Zum Jubiläum wird die Turnierbahn genau hier unter unseren Füßen verlaufen. Gemeinsam mit der großen Falknerei ist sie die Attraktion für die Besucher. Und sie haben trotz ihre hohen Anzahl reichlich Platz: „Bei uns gibt es kein Gedränge, denn die Wege sind vier Meter breit.“ Weiter geht es zu einem ehemaligen Kartoffelacker, das entfernt wurde. „Das war nötig, weil wir Platz für das große Bogenschießen brauchten.“ 50 bis 70 Teilnehmer reisen für das dreitägige Turnier aus ganz Deutschland an.

Lebendiges Mittelalter

Genau genommen sind es die Heerlager, die das Leben und Handwerk einer längst vergangenen Epoche vorstellen. Die Gruppen kleiden sich als Bauern und Fuhrmannsleute, Handwerker oder Ritter. Doch wer steckt dahinter? „Das sind alles Hobbyisten, die sich perfekt mit der Historie auskennen“, so Morkes. Im wahren Leben sind sie Rechtsanwälte, Arbeiter, Angestellte oder Ärzte. Sie kommen von überall her; selbst Wikingergruppen finden sich hier. Sie nehmen sich extra Urlaub, und reisen zu zweit, zu viert oder in großen Gruppen an, zelten auf dem Platz und zeigen den Besuchern historische Fecht- oder Handwerkskunst. „Das Mittelalter fasziniert uns bis heute. Und genau deshalb funktioniert unser Tunnel auch als Zeittunnel. Von dort aus gelangt man in eine andere Welt,“ so Morkes. Das, so sagt er, zeichne Anno eben aus. 

Wahre Geschichten und Legenden 

Heerlager, Turnierplatze, Falknerei sind schon Attraktion genug, möchte man meinen, doch Morkes ging zu Beginn seiner Anno-Legende noch einen Schritt weiter. Er recherchierte geschichtliche Hintergründe und fand heraus, dass Isselhorst der südlichste Zipfel der Grafschaft Ravensberg war und ein gewisser Otto III, Graf von Ravensberg, in der Zeit von 1249 bis 1306 eine zentrale Bedeutung hatte. Damit war nicht 

nur der Name Anno 1280 gefunden, sondern auch der Patron der Spiele, und gleichzeitig der Ursprung all der Geschichten und Legenden, die sich um das Fest ranken. „So können sich die Menschen mit der eigenen Geschichte identifizieren.“ Und genau das scheint schon wieder etwas zu sein, das Anno einzigartig macht.

Der Schatz des Drachen

Neben der Geschichte beflügelt auch die Fantasie die Besucher – und vor allem die Kinder: „Nur für sie kommt in diesem Jahr Fangdorn zurück, der einzige lebende Drache der Welt“, flüstert Nobby in mein Mikrofon. Das Stück heißt: „Der Schatz der Elfen“ und endet mit einer großen Feuershow am Abend. Erzählt wird vom Triumph des Guten über das Böse. Und der Schatz selbst? Der besteht aus Samenkernen, die jedes Kind zum Ende der Vorstellung erhält. Und nochmals senkt sich Nobbys Stimme verheißungsvoll: „Zum Jubiläum wird bei uns erstmals ein Wikingerboot auf dem kleinen Teich vor Anker gehen.“ Fendria heißt der Nachbau eines Schiffes aus dem 9. Jahrhundert und es wird die Besucher über das Wasser schippern. Und ja, es ist genau dieses unterhaltsame Familienprogramm, das Anno 1280 auszeichnet. 

Der Gute Geist des Hofes

Dann ist da noch der Gute Geist des Hofes, berichten Kruse und Morkes, von dessen Existenz sie mehr als überzeugt scheinen: Die Geschichte begann bereits beim zweiten Anno: Im Mai finden überall in Deutschland Mittelalterfeste statt. „Für das Wochenende waren Unwetter vorausgesagt und in Xanten hatte es schon drei Tote auf einem Fest gegeben“, beginnt Morkes die Geschichte. Es zog über Dortmund hinweg und in Mengede musste ein ganzes Lager vor dem Wetter kapitulieren. Dann nahm es Kurs auf Gütersloh und zog kurz vor der Kreisgrenze ab in Richtung Oelde und Münsterland. „Die Prognosen waren wirklich katastrophal“, ergänzt Kruse die Wetterkapriolen, „und da haben wir zum ersten Mal vom Guten Geist des Hofes gesprochen.“ Und Morkes erzählt weiter: „Zwei Jahre später war massiver Regen angesagt. Der Leineweber Markt musste sonntags abgesagt werden, doch hier schien die Sonne. Selbst als es im Vorjahr in Isselhorst geregnet hatte, hatten wir schönstes Wetter.“ „Ja, das war schon manchmal unheimlich“, pflichtet ihm der Hofherr bei. „Der gute Geist des Hofes wird uns begleiten“ sei in der Anno-Familie längst zum Schlachtruf geworden.

Die Anno-Familie

Überhaupt ist das so eine Sache mit der Anno-Familie, erzählen beide. „Wir sind da schon eine eingeschworene Gemeinschaft geworden.“ Gemeint sind die Heerlager, Akteure und Händler – sie alle kommen und gehen als Freunde. Und doch wechselt das Programm von Jahr zu Jahr. „Es darf nie langweilig werden,“ erklären sie den Grund dafür. Die Heerlager sind immer wieder andere und damit auch die Reiterei und ihre Ritterspiele. Die Musikgruppen werden genauso ausgetauscht, wie Gaukler, Händler und Handwerker. Die andere Familie sind die Besucher, die Anno seit Jahren begleiten. Familien schieben hier ihre Kinderwagen über die Wege, Rollstuhlfahrer sind gern gesehene Gäste und fühlen sich auf dem Gelände pudelwohl. „Anno ist längst zu einem Familienfest geworden. Einige der Mütter und Väter kamen früher mit ihren Eltern zu Anno 1280 – und heute mit den eigenen Kindern.“

Anno, zum Zehnten

Jetzt geht es also wieder los. Spätestens wenn ab dem 1. Mai wieder die mannshohen Ritter an der B61 den Weg zum Kruse-Hof weisen, wissen eingefleischte Anno-Fans: „Anno kommt.“ Dann entführt sie der Tunnel wieder auf eine wunderliche Reise durch ein Land vor unserer Zeit. Ein Land, in dem Kinder unter Schwertmaß von 120 Zentimetern keinen einzigen Kreuzer zahlen. So hören wir den Herolden zu, wenn sie rufen: „Kommet zu Hauf, denn Otto III., Graf von Ravensberg lädt zum zehnten Male zu seinem Feste ein. Zusammen mit seinem Hofnarren und den Beratern wird er für reichlich Kurzweyl sorgen und Jedermann und Jederfrau, ja jedes Kind wird sie verzücken!“ 

 

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