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Fotos: Detlef Güthenke

Wir 68er

Selbstbefreiung, Kulturrevolution, Solidarität mit den Sefreiungsbewegungen international und das Aufbegehren gegen einen alles lähmenden Konservativismus in den 60er-Jahren: Als die Studenten in Berlin, Frankfurt, Tübingen und anderswo auf die Straßen gingen, erreichte ihr Protest auch die Provinz. GT-INFO sprach mit bekennenden Gütersloher Alt-68ern über den Einfluss, den das Revoltejahr 1968 auf ihr Leben hatte.  Diplom-Pädagogin Brigitte Ehlert, Generalsuperintendent a.D. Professor Dr. Rolf Wischnath, der Soziologe und Bildungsberater Rolf Haug-Benien und Kulturaktivist Jürgen Droop (Folkclub, Weberei, Jugendkulturring, Initiative Demokratie wagen und Flüchtlingsbegleiter) stellten sich unseren Fragen. 

DAS GESPRÄCH FÜHRTE
GT-INFO-REDAKTEUR HEINER WICHELMANN
FOTOS: DETLEF GÜTHENKE


Frau Ehlert, Herr Prof. Wischnath, Herr Droop, Herr Haug-Benien, sie alle haben Ihre 68er-Identität nie verleugnet. Damals waren sie erst 15 beziehungsweise 16 Jahre alt, Herr Wischnath bereits 20. Welche
Erinnerung haben Sie an 68, was führte
Sie zu dieser Bewegung?  

Wischnath: 1968 war ich Soldat! Ich machte ein Jahr nach meinem Abi am ESG eine Ausbildung zum Artillerieleutnant in Handorf bei Münster. Die Politisierung begann bei mir aber schon mit dem 2. Juni 1967, als der Student Benno Ohnsorg auf einer Demo in Berlin erschossen wurde. Es gab da am ESG einen Lehrer, der sagte: Die Erschießung von Benno Ohnesorg war eine legitime Form der Gewaltanwendung des Staates zur Wiederherstellung der Ordnung. Das blieb noch ohne lauten Aufschrei. Aber es gab schon immerhin zwei oder drei Schüler, die sich den revolutionären Akt erlaubten, sich vom Religionsunterricht abzumelden. 68 fuhr ich oft nach Dienstschluss von der Kaserne nach Münster, um an Studentendemos teilzunehmen. Ich weiß noch, wie absurd, ja grässlich, die Situation in diesem ohnehin schon sinnlosen Bundeswehralltag für mich wurde, als unser Feldwebel einmal die Lage ausgab: Stellen Sie sich vor, 2.000 demonstrierende Studenten nähern sich dem Kasernengelände und wir müssen unser Gelände hier verteidigen. Da postierten wir uns mit Gewehren im Anschlag und warteten auf die Studenten.

Ehlert: Ich komme aus Fischeln bei Krefeld und hatte das große Glück, das Gymnasium, ein Mädchengymnasium, besuchen zu können. Dort gab es noch Lehrerinnen aus der Nazizeit. Für mich war es dann ganz wichtig, dass wir einen neuen jungen Lehrer bekamen, mit dem wir brisante Themen offen diskutieren konnten. Auch das Thema Ohnesorg. Ich war von Anfang an politisch angefixt. Bin dann ziemlich früh, mit 18, in die SPD eingetreten, war in der Schülermitverwaltung, Klassensprecherin usw.

Haug-Benien: Als 15-Jähriger war ich in einer oberschwäbischen Schule nahe Tübingen. Ich erinnere mich an einem studentenbewegten Deutschlehrer, der uns aufforderte, kontroverser zu diskutieren. Das war damals völlig unüblich. Bei ihm gab es keinen Frontalunterricht. Unser Diskussionsthema waren die drei Kugeln auf Rudi Dutschke. Tübinger Studenten schickten uns Flugblätter, die wir verteilten. Wir hielten den herrschenden Konservativismus einfach nicht mehr aus, wollten nicht mehr immer nur das nachvollziehen, was die Autoritäten uns vorgaben. Nach dem Abi wurde ich zunächst Leutnant bei den Fernmeldern, damit ich hinterher mein Studium in Tübingen finanzieren konnte. Wegen des NATO-Doppelbeschlusses verweigerte ich aber später den Kriegsdienst. Da war ich 27 Jahre alt. An der Uni in Tübingen war ich natürlich in der Fachschaft und war dabei, als eine Soziologie-Klausur gesprengt wurde. Der Professor war ein Vertreter des konservativen Bündnisses „Freiheit der Wissenschaft“. Wir sehnten uns nach kritischen Professoren in den empirischen Kulturwissenschaften, der Soziologie, der Politologie. Professoren wie Theodor 

Eschenburg, der in Tübingen lehrte, lehnten wir ab. Für uns waren Professoren wie Claus Offe in Bielefeld viel interessanter.

Droop: Ich blieb immer in Gütersloh, hatte hier die Realschule besucht und war in der Lehre. Es gab eine Jugendzentrumsbewegung von jungen Leuten und eine gemeinsame Schülerzeitung für mehrere Schulen. Da wurde Druck gemacht für ein autonomes Jugendzentrum, das wir allerdings nicht bekamen, sondern letztlich das „Jugendklo“ in städtischer Trägerschaft. Das war so ein kleiner Bau zwischen dem alten Rathaus und dem Amtsgericht, wo die Freie Presse lange Zeit untergebracht war. Im Souterrain gab es die sogenannte Bedürfnisanstalt. Deswegen hieß unser JZ eben Jugendklo. Später kam es dann zur Kaiserstraße. Das Jugendzentrum war mein Einstieg in die alternative Kulturszene, die durch 68 entstanden war. Später war ich dann in einer christlichen Pfadfindergruppe, die die übliche Hierarchie völlig abschaffen wollte. Es gab Kinderlager und viele Freizeitangebote. Man hat uns gewähren lassen.

 

Was war das entscheidende Moment, wogegen Sie sich auflehnten? War das die Vätergeneration, der lähmende Konservativismus, die autoritären Strukturen, der Vietnamkrieg?

Ehlert: Das waren die Themen, klar, aber ich meine, es war wohl auch das Aufbegehren gegen die Strukturen in den Familien: Vater arbeitete, Mutter war für Kinder, Küche, Kirche zuständig. Dann der ganze Mief und Muff aus der Adenauerzeit. Was man durfte und was nicht. Es gab ein Riesenbedürfnis, da rauszukommen. Es war ja auch noch ganz viel Geist aus der Nazizeit da. In den Schulen, Behörden, Institutionen – überall. Das spürte man. Im Nachhinein denke ich oft: Wie schnell sich die Gesellschaft damals änderte! Ruckzuck gab es Wohngemeinschaften, alternative Lebensformen, das Zurückweichen des autoritären Staates, die kritische Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit, mehr Liberalität in allen Lebensbereichen. Nur 14 Jahre nach 68 wurde Helmut Kohl Bundeskanzler, und die Gesellschaft schlief wieder ein.

Haug-Benien: Das fixierte sich für mich auch an bestimmten Personen, zum Beispiel dem furchtbaren Juristen Filbinger, und auch zum Beispiel an der Totalität der katholischen Kirche, die noch eine ungeheure Macht hatte. Der studentische Protest richtete sich eben auch deutlich gegen die Moral der Kirche. Wir kamen ja aus einer Zeit, in der über die Pfarrbücherei hinaus kein kulturelles Leben möglich war.

Wischnath: Es war die mangelnde Freiheit in vielen gesellschaftlichen Bereichen, unser Wunsch nach freier Lebensgestaltung, wozu auch die sexuelle Befreiung gehörte. Ich habe noch erlebt, wie selbstverständlich das Erreichen der Erziehungsziele in der Schule mit Gewalt verbunden war. Im ESG hatte ich noch einen Tag später einen schiefen Kopf von den Ohrfeigen der Lehrer. Da wurde auch mit dem Schlüsselbund auf Schüler geworfen. Weitere Gründe für die Revolte von 68 waren die mangelnde Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann, Alt und Jung, In- und Ausländern. Fehlende Mitbestimmung in Betrieben und Universitäten. Schweigen über den Nationalsozialismus. Das Aufkommen der NPD. Und dieser verbrecherische Vietnamkrieg. Es gab übrigens eine Aktion im ESG, bei der ich leider nicht dabei war: Heiligabend 1968 in der Aula, das bürgerliche Hochfest der Weihnachtsvesper. Da gingen Schüler auf die Bühne und diskutierten über den Vietnamkrieg. Ungeheuerlich! Wissen Sie übrigens, wer mir half, mich nach 68 nicht innerlich von unserem Staat zu verabschieden? Das war Gustav Heinemann, der 1969 Bundespräsident wurde. Das große Problem war ja unsere damalige Gleichgültigkeit gegenüber dem Rechtsstaat bzw. ihre Geringschätzung. Wir erkannten noch nicht den großen Wert unseres Grundgesetzes: Gewaltenteilung, Festschreibung der Rechte jedes Einzelnen und so weiter. Heinemann gab uns einen neuen Blick auf den Rechtsstaat.

 

Warum gab es damals dieses Misstrauen gegenüber dem Rechtsstaat?

Haug-Benien: Weil das Grundgesetz anders angewandt wurde, als wir es für richtig hielten. Es wurde ständig dagegengehandelt. Die Gewaltexplosion bei der Schah-Demonstration, die Schüsse auf Rudi Dutschke: keinem tat‘s leid!! Für uns ein himmelschreiendes Unrecht. Wir konzentrierten uns daher darauf, wie wir unsere individuellen Grundrechte selbst verwirklichen konnten. Wir arbeiteten in Kollektiven, Arbeitsgemeinschaften, lebten in Wohngemeinschaften und so weiter. Uns ging es um Partizipation im täglichen Leben.

Wischnath: Ich kenne Gütersloher, die zum Anschlag auf Dutschke sagten: Warum hat man das Schwein nicht ganz erschossen?

Haug-Benien: Ich misstraute auch immer der absoluten Deutungshoheit des Westens gegenüber dem Osten, der DDR. Das Kontrastive zwischen Westen und DDR war immer in schwarz und weiß gemalt. Ich wollte nicht gelenkt werden, das zu denken, was mir vorgesetzt wurde. Ich las die „links“, die vom Sozialistischen Büro Offenbach herausgegeben wurde, wurde undogmatisch und bin es bis heute.

Wischnath: Ich war beim sozialdemokratischen Hochschulbund, dem SHB, wovon sich die SPD dann bald trennte. Heute wissen wir: Der SHB, und auch der MSB Spartakus, die DKP oder die DFU wurden von der DDR finanziert. Ich hätte das früher nie für möglich gehalten. 

 

Was lief falsch? Welche Fehler gab es in der 68er-Tradition? Was kritisieren Sie heute?

Wischnath: Dass der Sozialismusbegriff so diffus war. Unsere Überschätzung der DDR, die mangelnde Bewertung ihres wirklich sehr menschenverachtenden Systems. Wir haben die Sendungen von Gerhard Löwen-
thal verachtet. Heute ist die Erkenntnis: In seinen Sendungen bewertete er vieles richtig. 

Ehlert: Ich war Mitglied des MSB. Deswegen war ich praktisch gezwungen, die andere Seite, also die DDR, als Alternative zu sehen. Wir wollten das Schlechte einfach nicht wahrhaben. Dabei sahen wir doch bei unseren DDR-Besuchen, wie die Stasileute in ihren Trabis das Volk observierten. Aber wir haben keine schlechte Arbeit gemacht. Wir haben dazu beigetragen, autoritäre Strukturen in unserer Gesellschaft zu knacken. 

Haug-Benien: Ich bin den sozialistischen Modellen nie gefolgt. Als ich 1975 nach Bielefeld gezogen bin, wurde ich freier Redakteur beim Bielefelder Stadtblatt. Die Zeitung hatte eine starke Verbindung zur gewerkschaftlichen und zur Anti-Atomkraftbewegung und kämpfte für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. So landete ich in den 80ern bei den Grünen als Fraktionsvorsitzender im Gütersloher Stadtrat.

 

Was bereuen Sie und worauf sind Sie
heute stolz?

Wischnath: Wir hatten recht, und wir haben geirrt. Wir waren selbstbewusst, hätten aber bescheidener sein können. Es war mehr ein notwendiger Befreiungsakt, als ein Irrtum. Ich zieh den Kopf nicht ein, wenn ich nach 68 gefragt werde, überhaupt nicht.

Haug-Benien: Ich finde es nach wie vor richtig, dass es so viele politische Richtungen, diesen Pluralismus, bei uns gab. Es war ein großer Kulturkampf, den es in der DDR so leider nicht gab. Natürlich haben wir aber auch viel geirrt.

Droop: Für mich waren 68 und die Folgejahre vor allem eine kulturelle Revolution. Wir gründeten hier in Gütersloh den Folkclub aus den Impulsen des Festivals Burg Waldeck und wurden zu einem der prominentesten deutschen Folkclubs überhaupt. Es gab ein erstes Rockfestival in Gütersloh, das im Parkhaus an der Münsterstraße stattfand, übrigens schon mit Gerry Spooner. Es gab die Band Marlins, und der Jugendkulturring war ganz wichtig. Wenn wir die populäre Politrockband Floh de Cologne aus dem Kölner APO-Umfeld verpflichteten, ging der CDU-Stadtrat auf die Barrikaden. Das hat uns richtig Spaß gemacht. 

Haug-Benien: Was auch ganz wichtig war neben den Beatles und den Rolling Stones, war die Wiederentdeckung der alten deutschsprachigen Liedkultur: Liederjan, Schobert & Black, Insterburg & Co und viele andere haben die Vor-Nazi-Traditionen weiterentwickelt. Die Kulturrevolution von 68 achte ich heute sehr.

Droop: Sie war vor allem nicht kommerzgetrieben. Sie war authentisch und glaubwürdig.

 

Was sind die moralischen und politischen Konstanten in Ihrem Leben, die bis heute gelten?

Haug-Benien: Dass ich die Dinge verstehen will. Dass ich nicht akzeptiere, dass andere mir dieses Wissen vorgeben. Der Geist der Aufklärung hat seit 1968 noch mal eine neue Qualität erfahren im Sinne, dass du selber eine Meinung haben darfst und dass du dich auch trauen darfst, wenn du homosexuell bist oder geschieden bist oder sonst was. Ich habe inzwischen 37 Jahre als leitender Pädagoge verbracht, um diesen Gedanken an Jugendliche, Behinderte, Gestrauchelte jeder Art weiterzugeben. Man darf sich eine eigene Meinung trauen. 

Wischnath: Ich habe ein Leitmotiv, das in der Kirche geprägt worden ist:  die Trias  Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Ich weiß, das sind große Worte und Perspektiven, aber in dieser Richtung ergeben sich immer wieder neue Teilthemen, an denen ich interessiert bin und für die ich mich engagiere. Eigentlich müsste ich politisch mehr engagiert sein. Dass ich Mitglied der SPD bin, ist eigentlich nur noch ein kleiner Akt der Treue zum tendenziell Linken.

Droop: Meine Konstanten: Misch dich ein. Handle nach deinen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Beteilige dich an der Stadtgesellschaft, an der Community. Und ändere die Dinge, wie du es für richtig hältst.

Ehlert: Für mich gilt: Ich werde niemals fremdenfeindlich sein, bin gegen jede Diskriminierung von Flüchtlingen. Das liegt mir wirklich sehr am Herzen. Ich war und bleibe Humanist, bin für Gewaltfreiheit und gegen jeden Krieg. Deswegen besorgt es mich, in welch bedauernswerten Zustand sich die EU und die UN befinden. Wer hat denn daran geglaubt, dass es wieder zu einem Kalten Krieg kommt? Ich bin durchaus für Patriotismus, aber ich bin klar gegen jeden Nationalismus. Er ist die Grundlage für Krieg.

 

Sehen Sie noch 68er-Reformbedarf im heutigen Deutschland?

Wischnath: Ich bin ziemlich enttäuscht über diesen Rückfall in die neue Form des Antisowjetismus jetzt auch beim Außenminister Maas, der die Bomben auf Syrien rechtfertigt. Was hat das noch mit der Friedenstradition der SPD zu tun?  Russland muss doch Gesprächspartner in der Entspannungspolitik bleiben. 

Ehlert: Ich bin kein Fan von Putin. Aber wir sind Russland historisch was schuldig.

Haug-Benien: Es sind sehr viele Errungenschaften seit 68 umgesetzt. Nicht in der Radikalität, aber in einer Form, dass die Solidarität innerhalb der Gesellschaft gewonnen hat. Zum Beispiel: Wenn man mich gefragt hätte vor 50 Jahren, vertraust Du diesem Staat, hätte ich gesagt: nein. Und auch nicht dem staatlichen Gewaltmonopol. Heute sage ich: Ja, ich kann mich auf den Staat und die Justiz verlassen.

Ehlert: Ich empfinde es anders, nämlich so, dass uns die Solidarität mehr und mehr abhanden kommt. Ich habe ein großes Problem mit diesem basisdemokratischen, egozentrischen, unsolidarischen Verhalten mancher Mini-Bürgerinitiativen, die gleich den Rechtsstaat rufen, wenn vor ihrer Tür ein Spielplatz oder sonst was angelegt werden soll. Wir haben Parteien, da gehört das hin. 

Droop: Diese Tendenz, für jede Kleinigkeit eine Bürgerinitiative zu gründen, finde ich okay. Das bringt ja auch die Diskussion voran. Ich glaube, unsere Demokratie ist eher gefährdet durch Lobbyismus, der vieles untergräbt. Das hat’s, glaube ich, 68 noch nicht so gegeben.

 

Welches persönliche Fazit ziehen Sie aus der 68er-Revolte?

Wischnath: Dranbleiben und mitmachen, nicht verzagen, Freundschaften und Bündnisse auch mit Andersdenkenden eingehen. Respekt wahren. Keine 

Gewalt. Toleranz üben.


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