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Im Mittelpunkt der Lehre des Judo steht neben der Schulung und Verbesserung der körperlichen Eigenschaften eine Philosophie zur Persönlichkeitsentwicklung: Sven Belau (blauer Anzug) trainiert die Weiß-Anzug-Träger. Foto: Jens Dünhölter

„Sei sen, Mokuso, Rei“

Sabine Röhrs war stolz wie Bolle: Nach ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, hätte sich die 1. Vorsitzende des Gütersloher Turnvereins am liebsten selbst in einem weißen Kampfanzug – der weißen Baumwollhose und der darüber getragenen halblangen weißen Jacke – mitten in das Getümmel auf den Matten gestürzt. „Es zaubert mir immer wieder ein Lächeln auf die Lippen, wenn ich sehe, mit wie viel Spaß und Engagement
die Sportlerinnen und Sportler hier dabei sind“, stellte die passionierte Turnerin anlässlich ihrer Stippvisite beim Training der GTV-Judoka in der Sporthalle der Heidewald-Grundschule fest. 

Stellvertretend für den Gesamtverein und Abteilungen wie Volleyball, Basketball, Karate oder Turnen hatten die von Sven Belau (26) geleiteten Weiß-Anzug-Träger kurz vorher vom Kreissportbund die im Rahmen des Fünf-Jahres-Flüchtlings-Integrations-Projektes „Engagement für Vielfalt“ verliehene Ernennungsurkunde zum offiziellen Stützpunktverein erhalten. Der Spaß und die Freude der an der 1882 in Japan aus dem Jiu Jitsu entstandenen Sportart hängen neben Trainingssteuerung und dem erkennbaren Zusammenhalt der homogenen Truppe auch mit der Personalie Sven Belau zusammen. Als Gründungsmitglied hat der seit seinem sechsten Lebensjahr der Sportart verbundene Träger des zweiten Meistergürtels (2. Dan) 2015 die seit 2008 im Turnverein beheimatete Abteilung übernommen. Seitdem ist Judo im GTV auf dem Vormarsch. Die Mitgliederzahl stieg von 77 auf konstant 115. Auch das Mischungsverhältnis ist mit 65 Kindern und 50 Erwachsenen nahezu ideal. „Wir sind sehr zufrieden mit der Nachwuchsarbeit. Die Nachfrage ist definitiv da”, unterstreicht der Schwarzgürtel-Träger. Passend zum zehnjährigen Bestehen in diesem Jahr geht überdies eine immer in sieben verschiedenen Gewichtsklassen kämpfende Herrenmannschaft in der Landesliga an den Start.  Die Grundlagen für Erfolge auf der Matte liefert das von Sven Belau und seiner Stellvertreterin Nina Naujoks (36) geleitete Training. Jeden Mittwoch sowie jeden Freitag üben sich nach den Kindern rund 20 bis 30 Erwachsene jedweden Alters in Würfen, Halte-, Hebe- und Würgetechniken. „Uns ist jeder willkommen, der sich für Judo interessiert“, stellt der in seinem blauen Anzug gut erkennbare sanfte Leiter der Judokas heraus. Das Credo der Sportart hat sich dabei seit der Geburt vor einer halben Ewigkeit auf einem weit entfernten Kontinent kein bisschen verändert. Nach rein wörtlicher Übersetzung bedeutet das Wort Judo „sanfter, flexibler Weg“. Der als Sportart-Erfinder geltende Jigoro Kano stellte neben Schulung und Verbesserung der körperlichen Eigenschaften eine Philosophie zur Persönlichkeitsentwicklung in den Mittelpunkt der Lehre. Um die von ihm überlieferten, bis heute gültigen Judo-Werte Freundschaft, Ehrlichkeit, Wertschätzung, Hilfsbereitschaft, Selbstherrschung, Bescheidenheit, Höflichkeit, Respekt und Mut bei jedem Training auch optisch vor Augen zu haben, sieht ein Porträt des Meisters allen Einheiten in gut zwei Meter Höhe zu. 

Zur durchaus buchstäblichen Verbeugung vor den Wurzeln der Verteidigungssportart samt seiner beiden zwei philosophischen Prinzipien – das gegenseitige Helfen und Verstehen zum beiderseitigen Fortschritt und Wohlergehen sowie der bestmögliche Einsatz von Körper und Geist – zählt auch das Festhalten an Traditionen. Die Übungsabende beginnen stets im Sitzen mit den Begrüßungskommandos „Sei sen, Mokuso, Rei“  - „Hinsetzen, Stillsitzen, Verbeugung“. Die Matte wird nach alter Überlieferung nur barfuß betreten. „1910 kam Judo nach Deutschland. Wir haben uns weiterentwickelt, die Anzüge sind moderner geworden, manchmal ändern sich auch die Kampfregeln. Aber an den Grundsäulen wird nicht gewackelt“, unterstreicht Sven Belau. Zu den unabänderlichen Prinzipen zählt trotz aller Lockerheit und dem für Außenstehende extrem herzlichen Umgang der Judoka bei der Begrüßung untereinander eben auch ein gewisses Maß an Respekt, Disziplin und Unterordnung gegenüber der Gruppe. Coole Draufgänger, ichbezogene-Einzelkämpfer, Großmäuler, aggressive Prügelknaben sind gemäß der Lehre beim Judo fehl am Platz. Sven Belau: „Judo hat nichts, aber auch rein gar nichts mit Draufhauen und Schlagen zu tun. Wer das denkt, ist bei uns völlig falsch”. Sollte tatsächlich ein Fehlverhalten vorkommen, werden die Entsprechenden freundlich zurechtgewiesen oder im Notfall aus der Gemeinschaft entfernt. Sven Belau: „Wir sind eine Gruppe. Da muss sich jeder unterordnen, man unterstützt und hilft sich gegenseitig.“ 

Das gelebte bemerkenswerte Konzept findet auch außerhalb der eigenen Reihen regen Anklang. Nina Naujoks berichtet aus der Nachwuchsabteilung von etlichen verhaltensauffälligen Kindern, die von Ärzten bewusst zum Judo geschickt werden „weil sie bei uns ruhiger werden und Werte wie Respekt, Disziplin, aber eben auch Selbstvertrauen vermittelt bekommen.“ Zur Freude der Verantwortlichen findet auch die Kooperation mit der Blücher-Grundschule regen Anklang. Ausgeübt werden kann die Sportart auf bewusst spielerische Art ab dem 5. Lebensjahr. Mit sieben Jahren beginnt das Wettkampftraining. Oft genug komme es nach Aussage des Kenners des „sanften Weges“ auch vor, dass Leute erst mit 30 oder 40 Jahren einsteigen. Auch Neueinsteiger profitieren davon, dass wie Sven Belau charakterisiert „Judo primär eine Frage der Technik ist.“ Natürlich brauche es für die Würfe auch Kraft, „aber das Wissen, wo ich Beine und Arme platzieren muss, um den Gegner zu Fall zu bringen. Das ist das Entscheidende.“ Zu den bemerkenswerten Charakteristika der Selbstverteidigungssportart gehört auch die Idee des lebenslangen Lernens. Denn egal ob Weißgurt als Anfänger, Gelbgurt als nächster Schritt oder einer der berühmten schwarzen Gürtel als äußeres Zeichen der Meisterwürde, „man lernt nie aus. Man braucht ein ganzes Leben, um Judo in all seinen Facetten in Perfektion zu beherrschen” beschreibt Sven Belau eine weitere Besonderheit. Damit die geistigen Fähigkeiten parallel zu den körperlichen steigen, steigt die Anzahl der vorgeschriebenen Wartezeiten von Meistergürtel (Dan) zu Meistergürtel an. Um den 1. Dan erwerben zu dürfen, sind zwei Jahre Pause nötig. Für den 2. Dan drei Jahre, für den 3. Dan vier Jahre – und so weiter. Sven Belau mit süffisantem Lächeln: „Das übt in Geduld.“ Die langen Zwischenräume erklären zum Teil auch, warum es in Deutschland nach dem Kenntnisstand des Chefs des GTV-Judoka niemanden gibt, der den 9. Dan oder mit dem 10. Meistergürtel den Olymp des kompletten Judowissens betreten hat. Sven Belau: „Ich kann mich irren, aber nach meinen Wissen ist der 7. oder 8. der höchste in Deutschland.“

Zu der sich von Gürtel zu Gürtel immer mehr steigernden Anzahl von Abwehrwürfen und Haltetechniken muss indes immer noch ein Mindestmaß an Kondition und körperlichem Durchhaltevermögen, speziell in den Wettkämpfen, kommen. Nina Naujoks: „Die Kämpfe dauern bei Männern und Frauen jeweils vier Minuten.“ Gibt es keinen Sieger, geht es so lange in die Verlängerung, bis eine Entscheidung gefallen ist. Nina Naujoks: „Das kann in Einzelfällen durchaus bis zu 20 Minuten dauern. Da braucht es schon jede Menge Puste.“ Angst vor Verletzungen ist beim Judo im übrigen auch meistens fehl am Platz. Ein blauer Fleck hier oder da gehört beim Fallen auf die Weichmatten automatisch dazu. Nina Naujoks: „Im Training gehen wir alle vernünftig miteinander um. Man greift weder mit voller Kraft zu, noch zieht man die Würfe so durch wie im Wettkampf. Schließlich sind wir Teamkollegen. Da respektiert, achtet und schätzt man sich.“ Als die stellvertretende Trainingsleiterin diese Worte formuliert, scheint es fast so, als würde selbst Judo-Erfinder Gigoro Kano auf seinem Logenplatz ein sanftes Lächeln übers Gesicht huschen. Wer’s selbst einmal ausprobieren möchte, ist dazu herzlich eingeladen. Sven Belau: Bei uns ist jeder willkommen, der sich für Judo interessiert. Alles weitere findet sich anschließend.“ Die Freude an der Gemeinschaft und dem gemeinsamen Sport miteinander ist dabei selbst für Außenstehende und ausgesprochene Judo-Laien mit Händen zu greifen. 

 

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