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Lasst die Kinder machen!

Alexander Kostka, neuer Chef der Kreishandwerkerschaft, über die Zukunft des Handwerks

Im Januar übernahm Alexander Kostka die Geschäftsführung der Kreishandwerkerschaft in Gütersloh von Friedhelm Drüner. Der Mann, der 18 Jahre lang die Fäden beim Gütersloher Handwerk zusammenhielt, hatte viel bewegt – zuletzt mit der Imagekampagne zur Nachwuchsgewinnung „Deine Zukunft im Handwerk“. Mit Alexander Kostka zieht jetzt ein gebürtiger Kölner in das Haus des Handwerks ein, der in Bielefeld aufwuchs und dort Jura studierte. Nach Stationen bei der Handwerkskammer in Bielefeld, der IHK in Münster und als Geschäftsführer beim Baugewerbeverband Westfalen in Dortmund vertritt er jetzt die 14 Handwerksinnungen im Kreis Gütersloh. Gefragt nach den Zielen im neuen Job möchte er die gute Arbeit seines Vorgängers fortsetzen und gleichzeitig die Kreishandwerkerschaft in die Zukunft führen. GT-INFO hat den 49-Jährigen zum Gespräch getroffen.

Herr Kostka, welche neuen Ausrichtungen können die Gütersloher mit Ihnen an der Spitze erwarten?
Unsere Arbeit ist sehr stark geprägt durch die Themen Nachwuchsanwerbung und Berufsausbildung. Das bleibt. Neu ist für uns als Handwerksvertretung das vielschichtige Thema der Digitalisierung der Arbeitswelt. Wir vereinen 14 Berufssparten. Jede ist anders vom digitalen Wandel betroffen. Hier müssen wir einen weiten Schritt nach außen machen. Wir wollen die Netzwerke mit der Industrie ausbauen, aber auch viele neue Partner aus der kreativen Digitalwirtschaft hinzugewinnen. Wir werden da Vorreiter sein. Gerade sind wir in der Planung, wie wir im Kreis Gütersloh die nötigen Netzwerke institutionell stärken und ihnen einen festen Ort geben können.

In einem Beitrag war kürzlich zu hören, dass in den 60er Jahren acht von zehn Jugendlichen ein Handwerk erlernten – heute scheint es genau umgekehrt. Was muss sich ändern, dass sich die Zahlen wieder annähern?
Wenn immer neue Gesamtschulen entstehen, müssen mehr neue Oberstufen gefüllt werden. Das System verstärkt monothematisch den Trend hin zur Akademisierung. Ich habe ein wenig Sorge, dass die Schüler ohne Blick auf ihre Talente in Richtung Abitur geführt werden. Das Abitur ist kein Selbstzweck und ein akademischer Berufsabschluss macht nicht selig. Meine Eltern waren beide glückliche Handwerker, Glasermeister und Damenschneiderin. Ich habe gern studiert, bin aber froh, dass meine Eltern nicht auch Akademiker waren. Das erdet und hat mir meinen Lebensweg gut geebnet.

Wie informiert das Handwerk die Schüler über die Handwerksberufe in den Schulen?
Mit der der Initiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“, KAoA, wird in der 8. Klasse der Übergang von der Schule in den Beruf eingeleitet. Das ist etabliert und gut. Trotzdem hat es die Wirtschaft nicht leicht, in allen Schulen direkt an der Berufsorientierung beteiligt zu werden.

Die Berufsmessen finden also meist außerhalb der Schulen statt. Wie ist da die Resonanz?
Wir sind sehr zufrieden mit den Berufsmessen in Rietberg, Halle und Gütersloh. Viele Schüler kommen mit ihren Eltern – und genau diese Gruppe müssen wir noch besser erreichen. Wir müssen ihnen die Aufstiegschancen im Handwerk besser deutlich machen.

Erklären Sie doch bitte, was das Handwerk spannend machen kann?
Im Zuge der Digitalisierung werden Berufsbilder offener und flexibler. Es wird nicht mehr so sein, dass ich eine Ausbildung mache und die begleitet mich bis zur Rente. Selbst gewählte, modulare Fortbildungen werden wesentlicher Bestandteil meines Berufsweges sein und das möglichst schon in der Ausbildung. Wir werden also nicht mehr diesen einspurigen Karriereweg gehen. Es wird mehr Quereinsteiger ins Handwerk geben, aber auch viele, die mit dem Handwerk in andere Bereiche quereinsteigen können oder mit neuen Blickwinkeln ins Handwerk zurückkehren. Das wird alle bereichern.

Das heißt, das Berufsbild wird durch besondere Qualifikationen individueller?
Das hoffe ich. Das wird sowohl betriebsgeleitet geschehen, als auch gezielt vom Azubi oder Mitarbeiter nach eigenen Interessen ausgewählt. Damit verschieben sich Karrieren und Perspektiven, das eigene Berufsfeld wird nicht so schnell austauschbar sein und man selbst wird zum Spezialisten mit Alleinstellungsmerkmal.

Dann sprechen wir also in Zukunft von einer Art „mündiger Arbeitnehmer“?
Ja, mündig im Sinne von selbstbewusst und selbstverantwortet. Genau da liegt eine ganz große Stärke des Handwerks, denn hier wird ein individuelles Produkt hergestellt. Die tägliche Interaktion zwischen dem Kundenwunsch und meinem handwerklichen Know-how prägt mich als Handwerker in meiner Arbeit und als Person. Es steckt also im Vergleich zu einem Studium ein anderes Konzept dahinter, das individuelle Lösungen von mir fordert und mir von Anfang an kreativen Freiraum und Selbstverantwortung überträgt.

Man spricht oft von der Gleichwertigkeit von Studium und Ausbildung. Ist sie Realität?
Aber ja! Sie starten heute mit 16 Jahren in eine Lehre. Die schließen Sie mit 19 Jahren ab, besuchen die Meisterschule und haben dann mit 20 Jahren den Meisterbrief in der Tasche. Dieser ist dem akademischen Bachelor-Abschluss gleichgestellt. Sie haben so gegenüber dem Abi ein Jahr mehr investiert, haben aber schon zwei Berufsabschlüsse in der Tasche und können ohne Abitur auch noch ein Studium anschließen. Das ist mehr als gleichwertig.

Es hat manchmal den Eindruck, dass sich Eltern mit anderen in einer Art Wettbewerb befinden, wessen Kind den renommiertesten Berufsweg absolviert. Man könnte vermuten, dass dabei die eigentlichen Begabungen ihrer Kinder ins Hintertreffen geraten. Ganz konkret: Kann es sein, dass die Wünsche mancher Eltern nicht kompatibel sind mit den Talenten und Leidenschaften der Kinder?
Eltern sollten sich die Talente ihrer heranwachsenden Kinder anschauen und nicht auf die eigenen Wünsche oder auf die Ziele anderer Eltern achten. Unternehmen legen heute ein großes Augenmerk auf das Thema Leidenschaft in Beruf, am Arbeitsplatz und im Team. Und die bringe ich nur mit, wenn ich etwas wirklich gerne aus mir selbst heraus mache. Deshalb ist es richtig, das Kind anzusehen und zu fördern, was es kann. Dann hat es einen guten Weg vor sich. Deshalb meine Empfehlung: Lasst die Kinder machen! ˜

Foto: Wolfgang Sauer
Seit Januar 2019 im Amt: Alexander Kostka, der neue Chef der Kreishandwerkerschaft in Gütersloh im Gespräch über die Zukunft des Handwerks in Gütersloh.

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