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Schieben für die Kinder die Wolken weiter: Die Vorstandsmitglieder Sabine Wolff und Wolfram Kleinemas des gemeinnützigen Vereins Wolkenschieber e.V., im Gespräch mit GT-INFO Redakteurin Birgit Compin. Foto: Jens Dünhölter.

Die Wolkenschieber

Kinder trauern anders - ihre Trauer kommt in Wellen und nicht in Phasen“, weiß man in der Kindertrauerbegleitung. Sie erleben den Verlust eines nahestehenden Menschen oft ganz anders als Erwachsene. Plötzliche Stimmungsschwankungen zwischen Traurigkeit und Spaß, Launenhaftigkeit und Gereiztheit, ein Abfall der Schulleistungen, der Rückfall in frühkindliche Verhaltensweisen oder die Übernahme der Aufgaben der Verstorbenen sind nur einige Beispiele dafür, was mit ihnen geschieht, wenn ein Elternteil für immer geht. Und nicht selten vermitteln sie den Eindruck, dass sie gar nicht trauern. „Doch das ist nicht so“, weiß Ergo- und Kindertherapeutin Sabine Wolff. „Kinder“, sagt sie, „haben ein magisches Denken.“ 

Gemeinsam mit Wolfram Kleinemas begrüßt sie mich in ihrer Praxis in der Hohenzollernstraße. Hier ist auch der gemeinnützige Verein Wolkenschieber e.V. zu Hause, dessen Vorstandsmitglieder beide sind. „Für die Kinder schieben wir die Wolken weiter“, sagen sie. Und „Wir“ sind noch viel mehr: Die Mitglieder und Unterstützer sind Erzieher, Psychologen, Ergo- und Kunsttherapeuten, Künstler, Sozialpädagogen, Pastoren, Ärzte und Krankenpfleger. Sie arbeiten zumeist ehrenamtlich, um Kindern zu helfen, die ein besonders bewegendes Schicksal teilen: Den Verlust von Vater oder Mutter. „Es gibt Momente, in denen die Wolken so dick sind, dass die Familie unsere Unterstützung braucht“, sagen sie. Schnell wird klar: Eine übliche Reportage wird das hier nicht. Ich berichte darüber, was ich heute im Gespräch erfahre. Eine Außenstehende, die einfach zuhört und notiert. Nicht mehr und nicht weniger.

 

Ein buntes Haus für Kinder

Das Haus ist auf die Therapie von Kindern ausgerichtet. „Meine Praxis ist gleichzeitig der Treffpunkt des Vereins. Hier können wir uns in Ruhe mit Familien zur Beratung oder mit Kindern zum Gespräch treffen“, erklärt Sabine Wolff. Dann helfe auch schon mal ein Spiel oder eine Puppe, Malstifte oder Knete, um „Knoten“ zu lösen oder einfach eine Auszeit anzubieten. Ein wesentlicher Ansatz der Begleitung: „Stirbt ein Elternteil“, so Wolfram Kleinemas, „sind Familie und Kinder oft in tiefer Sprachlosigkeit gefangen.“ Unausgesprochene Fragen bleiben im Raum, die Angst vor Verlust und Unsicherheit ist zum Greifen nah. „Und während bei den Erwachsenen der Fokus zunächst einmal auf dem Formalen, wie Behördengänge und Bestattung liegt, laufen die Kinder einfach mit“, ergänzt Sabine Wolff. „Höchstens die Frage: „Sollen wir sie zur Beerdigung mitnehmen oder nicht?“ stehe vielleicht im Raum.

Und genau das, so erfahre ich, sind Situationen, in denen Angehörige, aber auch Lehrkräfte oder Erzieher die „Wolkenschieber“ zu Rate ziehen: „Was sagen wir, wenn Kinder nach dem Verbleib des Elternteils fragen?“, „Welche Wörter benutzen wir und welche nicht?“ Es sind Fragen, die den Mitgliedern des Vereins immer wieder begegnen. Dabei wissen sie manchmal auch nicht weiter. „Was sagen Sie einem Kind, wo der Verstorbene jetzt ist?“ Sitzt der Papa dann auf einer Wolke, ist die Mama ein Engel geworden oder ein Stern? 

 

Gemeinsam durch den Schmerz hindurch

„Aus meiner Sicht ist immer auch der individuelle Hintergrund einer Familie wichtig“, versucht Kleinemas eine Erklärung. Denn der sei sehr unterschiedlich. Nicht nur in der naheliegenden Frage zur Religion und deren Auslegung, die man natürlich berücksichtigen müsse. Da ist zum Beispiel die Mutter, deren Mann tödlich verunglückte und deren achtjähriger Sohn sich fortan weigerte, zur Schule zu gehen. In behutsamen Gesprächen fand Kleinemas heraus, dass der Junge zu Hause blieb, weil er die Mutter nicht alleine lassen wollte. „Es geschieht häufig, dass Kinder in einem solchen Fall meinen, Verantwortung übernehmen zu müssen, was bei dem verbliebenen Elternteil jedoch nicht selten Schuldgefühle auslöst.“ 

 

Die Brückenbauer

„Kindern, aber auch Erwachsenen zu erklären, dass jeder seine Gefühle ausleben darf, ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung“, ergänzt Sabine Wolff. Denn wenn beide Seiten ihre Gefühle stillschweigend unter den Teppich kehren, werde es schwierig, gemeinsam in die Zukunft zu blicken. Dabei sind es so viele Emotionen, die da raus müssen: Traurigkeit, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Wut, Gefühls-
chaos, Orientierungslosigkeit, Angst, Erstarrung – all das will nicht nur von den Großen, auch von den Kleinsten verarbeitet werden. Dann sind Trauerrituale für beide ein wichtiger Schritt und eine Brücke zueinander: „Wir brauchen etwas, um unserer Trauer Platz und Ausdruck zu geben.“ Sowohl die Erwachsenen als auch die Kinder müssen durch den Schmerz hindurch, um damit leben zu können. „Dann zünden wir eine Kerze an oder halten uns an Erinnerungsstücken fest. Doch manche sehen das leider anders“, beginnt Sabine Wolf ein anderes Beispiel.

 

Ein schwerer Fall

Als eine alleinerziehende, unheilbar an Krebs erkrankte Mutter in der Klinik lag, bat sie ihren Bruder, für ihren vierjährigen Sohn zu sorgen. Ohne jegliche Erklärung und Verabschiedung nahm er ihn an sich und die Mutter starb kurze Zeit später. „Er hatte gar keine Chance, Abschied zu nehmen und man sagte nur: ‚Mama ist verreist’.“ Selbst von der Beerdigung wurde der kleine Junge ferngehalten. Im neuen fremden Zuhause wurde jedes Bild und jedes Andenken der Mutter entfernt. „Man stelle sich das vor: Das Kind wurde komplett seiner Wurzeln beraubt“, so Wolff, „es gab keine Wohnung mehr, keine Mutter, kein Kleidungsstück, kein Geschenk – gar nichts.“ Stattdessen stritten die Familienmitglieder, bei wem das Kind aufwachsen solle. Erst viel später lernte Wolff den Jungen kennen – als er wegen angeblicher Entwicklungsverzögerung in ihre Kinderpraxis kam. „Nun, wir haben schon eine Weile gebraucht, um das alles aufzuarbeiten, denn dieses Kind hatte wirklich die schwierigsten Voraussetzungen, um ins Leben zu laufen,“ berichtet Wolff weiter. „Doch jetzt wundert man sich, was für ein großer und wunderbarer Junge er geworden ist.“ 

 

Hilfe auch für sterbende Eltern

Es gibt auch Situationen, in denen die „Wolkenschieber“ bereits helfen, bevor ein Elternteil stirbt. So wie bei der Flüchtlingsfamilie, deren alleinerziehender Vater unheilbar krank war. Es hatte sich bereits ein kleines Hilfsnetzwerk um die drei Jungen gesponnen, weil sonst kein Erziehungsberechtigter Entscheidungen treffen konnte. „Und alle gemeinsam taten wir das Richtige: Wir halfen den Kindern, weit weg von der Heimat ihren Alltag möglichst normal zu erledigen. Sie gingen zur Schule und zum Sport, sie kauften ein und pflegten ihre sozialen Kontakte.“ Doch das Beispiel zeigt auch noch etwas anderes, denn die „Wolkenschieber“ versuchen in solchen Fällen auch, sterbende Eltern mit einzubinden. So solle man das Wort „Sterben“ offen aussprechen. „Dafür sind wir auch da und helfen, wenn Eltern mit ihren Kindern über die Situation sprechen möchten. Wir geben Ideen, um vielleicht noch einen Brief zu schreiben oder eine Sprachaufnahme zu hinterlassen“, erklärt Wolff. 

 

Ein kleiner Schubs in die richtige Richtung

Es ist jedoch nicht so, dass bei den „Wolkenschiebern“ ausschließlich Familien anrufen, die eine umfassende Therapie benötigen. Meist sind es Menschen, die bereits instinktiv vieles richtig machen. „Sie brauchen vielleicht nur eine kurze Begleitung oder eine Beratung. Dann schubsen wir sie nur vorsichtig in die Richtung, die sie sowieso schon eingeschlagen haben und sagen: ‚Wir sind da, wann immer ihr weitere Fragen habt’“, sagt die Therapeutin. Doch die „Wolkenschieber“ legen den Fokus nicht nur auf die Therapie und das Drama. Je besser die Trauerphasen mit all ihren Höhen und Tiefen angenommen – und damit auch verarbeitet werden – desto besser ist das für den späteren erwachsenen Menschen, der ja gesund und ohne Traumata aufwachsen soll. Deshalb sind die kindlichen Welten so wichtig. Selbstgemalte Bilder und therapeutische Spiele helfen, ihre Gefühle besser zu vermitteln und zu verstehen.

 

Vom magischen Denken

Und dann sind da die Fragen nach den schönen Erlebnissen mit dem Verstorbenen. Vielleicht haben sie gemeinsam Drachen gebaut und fliegen lassen oder mit der Eisenbahn gespielt. „Darauf kann man aufbauen und den Kindern erklären, welch großen Schatz sie da mit sich führen: „Du weißt jetzt, wie es geht und wenn du damit spielst, denkst du vielleicht auch daran, wie toll das war“, sind dann die Sätze, die zählen. Und dann ist da noch das „magische Denken“ das den Kindern helfe: Zwischen zwei und fünf Jahren spiele die Fantasie eine bedeutende Rolle, so Wolff. Zwischen Realität und Fantasie zu unterscheiden, fällt in dem Alter schwer. Monster, Zwerge und der Weihnachtsmann sind in ihrer Vorstellung absolut reale Gestalten. Damit versucht das Kind, sich die Welt zu erklären. Selbst, wenn es um den Tod eines Elternteils geht. Dann hilft ihnen vielleicht dieses Denken weiter, denn in der kindlichen Welt ist einfach alles möglich.

 

Manchmal brauchen wir eine Brücke

„Die Mitglieder der Wolkenschieber kommen aus ganz verschiedenen Einrichtungen und Institutionen. Viele sind spezialisiert auf Kindertrauergruppen. Ein Angebot übrigens, das wir gerne vertiefen würden, wenn es gewünscht ist“, bieten Sabine Wolff und Wolfram Kleinmas zum Ende des Gespräches an und geben mir noch einen Wunsch mit auf den Weg: „Jeder, der sich in einer solchen Situation befindet, darf sich gerne trauen und sich an uns wenden. Ein Gespräch zeigt oftmals auch, das man auf dem richtigen Weg ist. Es kann jeder anrufen, ob Tante oder Freunde. Manchmal brauchen die Menschen in dieser Situation einfach eine Brücke. Wir möchten, dass sie dann wissen, dass es uns gibt und sie jederzeit zu uns kommen
können.“ 

 
 

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