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Foto: Jens Dünhölter

„Alternative zum Kachelzählen“

Die anschließende Gerstensaftkaltschorle hätten sich die Männer mit den blauen und weißen Kappen auf den Köpfen redlich verdient gehabt. Doch nichts da. Statt in eine Kneipe verkrümelten sich die Herren nach dem Duschen und Umkleiden lieber nach Hause aufs Sofa. Die anderthalb Stunden vorher waren schließlich anstrengend genug. 90 Minuten hatten die Heroen fast ohne Pause das Wasser im Welle-Sportbecken durchgepflügt, sich mit dem schwer auszurechnenden Wellengang und mit dem Gegner duelliert, die Angreifer des Kontrahenten in Manndeckung genommen, Bälle blockiert, Tore geworfen, Tore verhindert und waren meistens im Vollsprint von der einen Beckenseite zur anderen gejagt. 

Auch nur wer ganz entspannt seine Bahnen im Hallen- oder Freibad abspult, weiß, wie kräftezehrend Wasserwiderstand sei kann. Nachdem er unfreiwillig einen großen Schluck unappetitliches „Chlorgebräu“ zu viel geschluckt hatte, musste einer Akteure eine kurze Auszeit auf der Bank am Beckenrand nehmen. Lange hielt das Durchatmen nicht. Ein paar Minuten später tauchte der unfreiwillige Kiemenatmer schon wieder mitten im Getümmel auf. Bekanntlich sind Wasserballer nicht nur mit allen Wassern gewaschen, sondern auch hart im Nehmen. Das gilt seit gut drei Jahren auch wieder für die schwimmenden Handballer oder Handball spielenden Schwimmer des Gütersloher Schwimmvereins (GSV).

Seit Ende 2015 lassen 12 bis 13 überwiegend junge Wilde im Altersdurchschnitt von rund 20 Jahren samt ihres mitspielenden Trainer-Trios Sebastian Prösch (37), Matthias Wittjohann (37) und Andreas Lüdke (38) in der Bezirksliga eine alte Tradition wieder aufleben. Wasserball war viele Jahre nicht nur ein exzellenter Imageträger für den GSV, sondern gehörte zu Gütersloh wie Dalke und Wapel. Eine ganze Generation lang lehrten die GSV-Haudegen um Eckhard Brune, Reiner Pallkötter, Hartmut Schmiegel oder davor Toni Seiler, Peter Bläsel und Co. Gegner weit über den Bereich Ostwestfalen-Lippe hinaus das Fürchten.

Mitte der 90er-Jahre ging aufgrund fehlenden Nachwuchses der Anschluss verloren. 2000 hängte die überalterte Mannschaft der langsam ergrauten Wasserball-Koryphäen ihre Badehosen endgültig an den Nagel.

„Vielleicht hätten sie früher auf den Nachwuchs setzen sollen. Die waren so ehrgeizig, dass sie immer gewinnen wollten. Die Nachrücker haben kaum Wasserzeiten bekommen und irgendwann die Lust verloren“, bedauerte Peter Offers, seit 2008 amtierender GSV-Vorsitzender, immer wieder öffentlich den Verlust der offiziell ersten, bereits 1900 olympischen Mannschaftssportart.

Vor gut drei Jahren kam aus den Reihen
einiger ehemaliger aktiver Wettkampfschwim-
mer die Idee der Wieder-Wassergeburt auf. Das in den 90er-Jahren im damaligen Wasserball-Nachwuchs aktive heutige Trainerteam bildet gemeinsam mit dem in Personalunion Wasserball- sowie  stellvertretender GSV-Kassenwart Thomas Köhler (56) als „Alterspräsident“ der Studententruppe als Überlebende der großen Ära die Verbindung zum Jetzt und Hier.

Beim Chef des 708 Mitglieder starken, 1906 gegründeten Vereines (zwei Drittel davon Kinder und Jugendliche) rannten die Neustarter mit ihrem Vorhaben offene Wasserballtore ein. Peter Offers: „Wasserball ist unsere Möglichkeit, Quereinsteiger, ältere Jugendliche, junge Erwachsene oder ehemalige Wettkampfschwimmer nach dem Ende ihrer aktiven Karriere weiter an den Verein zu binden“. In der Tat sind mit Nick und Marvin Zippert, Till Johannsmann, Niklas Doll und Joshua Offers gleich fünf ehemalige Leistungsschwimmer – im Fachjargon „Kachelzähler“ – zum Spiel mit dem Kunststoffball gewechselt. Peter Offers: „Wasserball ist eine echte Alternative zum Kachelzählen. Ich bin sehr froh, dass ich die Truppe habe. Mannschaftssport hat immer einen ganz anderen Charakter. Man gewinnt zusammen, man verliert zusammen. Wichtig ist der Zusammenhalt.“ Und der ist in der Truppe absolut top. Dies bestätigen Trainer und Spieler unisono. In den ersten beiden Spielzeiten musste die Novizen-Truppe nach dem völligen Neustart noch viel Lehrgeld zahlen. Sebastian Prösch vom Trainerteam: „Die meisten der Jungs sind perfekte Schwimmer. Die wenigsten hatten allerdings vorher schon mal einen Ball in der Hand“. Peter Offers: „Gute Schwimmer sind im Wasserball im Vorteil. Das nutzt aber nichts ohne Übersicht und die Strategie, wann man wohin schwimmen muss.” Im zweiten Spieljahr 2017/18 stand die zehnmonatige Renovierung der Welle samt extremer Verknappung der Trainingszeiten für sämtliche Wassersportler der weiteren Entwicklung im Weg. Statt gezielt am Spielaufbau, taktischen Feinheiten oder dem Wurfverhalten (um Druck auszuüben, muss der Oberkörper möglichst weit aus dem Wasser) zu arbeiten, musste an den Ausweichorten improvisiert werden. Die Zahl der gewonnenen Partien beschränkt sich deshalb bislang auf Turniere und Freundschaftsspiele. Nach der Wiedereröffnung des Welle-Sportbereiches im Herbst 2017 steht dem regelmäßigen Training indes nichts mehr im Weg. Für die bald beginnende dritte Meisterschaftsserie 2018/2019 ist das Team deshalb voller Hoffnung und Zuversicht. Matthias Wittjohann: „Wir waren oft auf Augenhöhe, mussten uns dann aber der größeren Erfahrung geschlagen geben. Mittlerweile haben wir uns gesteigert. Alle warten auf den ersten Sieg.“ Das viel größere Ziel lautet nach Aussage seines Trainerkollegen Andreas Lüdke jedoch: „Wir wollen Wasserball wieder als feste Sportart im GSV etablieren. Wenn wir das geschafft haben, kommt alles andere von alleine.“ Peter Offers träumt sogar klammheimlich bereits von einer U 14- oder U 16- Mannschaft im Nachwuchsbereich. Doch das ist Zukunftsmusik. Momentan stürzen sich an den Hallentrainingsabenden (immer Donnerstag, 20 Uhr, Welle – im Sommer zusätzlich Dienstag 20 Uhr, Nordbad) bis zu 13 Teammitglieder in die Fluten. Zur vom Trainerteam angepeilten Wunschmannschaftsstärke von 20 Schwimmhandballern fehlen somit noch ein paar Mitspieler. Matthias Wittjohann: „Wenn zwei krank, zwei im Urlaub und einer beim Geburtstag von seinem Wellensittich ist, wird es eng.“

Der Anforderungskatalog für Neu- oder Seiteneinsteiger hört sich gar nicht so schwie-
rig an. Andreas Lüdke mit sichtbarem Schmunzeln im Gesicht: „Ideal wären ehemalige
Handballer, die auch Schwimmen können. Nein, jetzt mal im Ernst. Es ist jeder herzlich zum Gucken und Mitmachen eingeladen. Es sollten Grundlagen im Brust- und Kraulschwimmen sowie Interesse an der Sportart vorhanden sein. Den Rest lernt man bei uns.“ Sebastian Prösch ergänzt: „Ob Weiblein oder Männlein spielt gar keine Rolle.“ Lediglich „für Nicht-Schwimmer könnte es etwas anstrengend werden.“ Fairerweise sollte man den Anforderungskatalog für Interessierte um die
Attribute „spritzwasserresistent” und „döpperfahren“ ergänzen.

Der Ball landet zwangsläufig meist irgendwo in Kopfnähe, da der Kopf als einziges Körperteil aus dem Wasser ragt. Auch der Respekt vorm Untertauchen sollte sich in überschaubaren Grenzen halten. Zwar sind laut Regelwerk „im Wasser stehen“, „am Rand oder am Gegner festhalten“ verboten. Speziell der dritte Teil wird von den Wasserkämpfern indes nur milde belächelt. Ein Teil der Sportart spielt sich von den Schiedsrichtern oftmals unbemerkt unter Wasser ab. Manch ein Handballschwimmer wähnte sich beim Kampf um den Ball zuweilen schon wie beim Unterwasserrugby. Das schlägt sich auch in der Ausrüstung nieder.

Neben den verschiedenfarbigen Kappen mit Ohrenschützern zum Auseinanderhalten der eigenen und gegnerischen Mannschaft tragen erfahrene Wasserballer im Spiel vorsichtshalber meist zwei Badehosen übereinander. Das Festhalten des Gegenspielers an seiner Badebekleidung gehört laut allgemeiner Einschätzung „irgendwie dazu:“ Sebastian Prösch: „In den unteren Ligen ist es noch nicht so wild, trotzdem ist es kein kontaktfreier Sport. Wenn dann mal die Hose kaputt geht, hat ‚Mann‘ ein Problem“. Frauen haben es textilmäßig besser. In der Bezirkliga als unterster Ebene in der Region sind auch Mixteams mit weiblichen Akteuren zugelassen. In den vergangenen zwei Jahren haben die GSVler die ein oder andere leidvolle Erfahrung mit Wasserballerinnen gemacht. Etwaige anfängliche Berührungsängste gingen ganz schnell über Bord. Sebastian Prösch: „Die Mädels sind nicht zimperlich. Die langen ganz schön zu. Man verliert schnell die Hemmungen.“

Wer Wasserball ausprobieren möchte, ist dazu herzlich eingeladen. Nähere Informationen gibt es beim Vorsitzenden Peter Offers (E-Mail: offers.gsv@web.de), oder www.gsv1906.de. 

 

 

 

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